Unser Kreisverband

 

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DOKUMENTE - STANDPUNKTE - PRESSE

 

Rede von Torsten Koplin  

auf dem Kreisparteitag DIE LINKE PUR (Peene-Uecker-Randow)

Liebe Genossinnen und Genossen,

   

Vorgestern ist das Wort FINANZKRISE als Wort des Jahres erkoren worden. Zunächst ist das nicht verwunderlich:

      - sie ist das bestimmende Thema der Nachrichten

      - die US-Banken gehen reihenweise k.o.

      - Island stand Ende November vor dem Staatsbankrott.

Trotzdem ist FINANZKRISE lediglich ein Modewort, genauer gesagt: das Wort FINANZKRISE ist ein irreführendes Modewort, noch präziser formuliert: das Wort FINANZKRISE ist eine ideologische Nebelkerze.

Warum? Allerorten wird getan, als wären die Finanzen von einem selbstzerstörerischem Virus befallen. FINANZLÖCHER – noch so eine Nebelkerze – tun sich auf und das Geld würde darin verschwunden sein.

Tatsächlich ist es doch so: Die Summe des Geldvermögens in der Welt ist immer Null. Denn jeder Ersparnis in Geldform steht eine Schuld in Geldform gegenüber. Tatsächlich platzen Spekulationsblasen

      - Spekulationen mit Immobilien

      - Spekulationen auf Kursgewinne

      - Spekulationen auf zu erwartende Zinsveränderungen.

Tatsächlich verstellt das ideologische Modewort FINANZKRISE den Blick auf andere Wörter für die Eigenschaft unserer Gegenwart wie AUSBEUTUNG, MEHRWERT, PROFIT.

Der Umgang mit diesen Wörtern würde schnell dazu führen, dass die Finanzkrise eigentlich eine KAPITALISMUSKRISE ist. Zu erkennen, dass der Kapitalismus abgewirtschaftet hat, ist für die Anbeter desselben jedoch unbequem und schmerzhaft.

Für die Parvenues, also die, die reich werden, weil sie andere Menschen entrechten, ausbeuten und ausgrenzen, für die ist der gegenwärtige Zustand unerträglich. Und sie tun alles und nutzen alle Hebel ihrer strukturellen, politischen und medial-manipulativen Macht, um die Verhältnisse wieder ins Lot zu kriegen. Denn ihnen ist die Gefahr sehr wohl bewusst.

Die Gefahr, die ich meine, ist nicht die Gefahr des Geldverlierens. Geld beschaffen sie sich schon. Oder es wird ihnen von Merkel, Sarkozy, Brown und anderen herbeigeschafft.

Die Gefahr, die sie sehen und die ich meine, ist die Gefahr, dass Leute daher kommen und sagen: Der Kapitalismus hat abgewirtschaftet. Um zu leben, um zu überleben, müssen wir die SYSTEMFRAGE stellen.

Diejenigen, die das nachdrücklich tun müssen, sind die Linken. Wer, wenn nicht wir? Wann, wenn nicht jetzt?

Brauchen wir noch mehr Kronzeugen für das Nichtfunktionieren des Kapitalismus als die, die unsere HARTZ IV-Beratungen aufsuchen? Allein in dieser Woche: die Reinigungskraft in Neustrelitz, die es sich erlaubt hat, gegen den Willen der Behörde eine Wohnung zu suchen, die angeblich zu groß ist. Oder der Zeitungsausträger aus NB, der im Laufe der letzten Monate um 3.100 EUR geprellt wurde und nun eine Nachzahlung erhält.

Für diese Menschen da zu sein, mit ihnen gemeinsam um eine gesellschaftliche Alternative, um den demokratischen Sozialismus zu streiten, ist das Gebot der Stunde.

Ich möchte vor der Gefahr warnen, den Neoliberalen auf den Leim zu gehen und einzustimmen in den Chor derjenigen, die nahezu stündlich für irgendetwas neue Millionen locker machen wollen, für Bankenschirme und Konsumgutscheine. Derjenigen, die mit Geld nur so um sich schmeißen wollen. Hauptsache, der Kapitalismus wird wieder flott gemacht.

Da kommen ganz paradoxe Sachen zum Vorschein:

      - die Idee der Verstaatlichung; gemeint ist nicht die gesellschaftliche Aneignung und Verteilung der Produktion; gemeint ist staatliches Geld für die Beibehaltung privatkapitalistischer Aneignung.

      - Oder die Beschwörung von „Stabilisatoren“, wie gerade von den EU-Staatschefs während ihrer Beratung in Brüssel; gemeint sind nicht technische Geräte, gemeint sind Menschen, die in öffentlichen Verwaltungen arbeiten. Sie könnten, so meinen Neoliberale, in der Finanzkrise als „Stabilisatoren“ gelten, denn sie hätten krisensichere Jobs und somit Konjunktur ankurbelnde Kaufkraft.

Die Systemfrage ist ein abstrakter Begriff und als politische Vokabel nicht zündend. Wenn wir genau hinschauen, stellt sich die Systemfrage jedoch täglich.

Ich will dazu drei Beispiele nennen.

1. Das 10-Punkte-Programm der Landesregierung für Wirtschaft und Kommunen.

Beim Pkt. 10 dieses Programms geht es dabei um Breitbandversorgung im ländlichen Raum. Zusätzlich sollen 4,4 Mio bereitgestellt werden für die Breitbandversorgung im ländlichen Raum und für Maßnahmen zu dezentralen Versorgung mit erneuerbaren Energien (Biogasleitungen). Der Sachverhalt isoliert betrachtet ist durchaus positiv. Abgesehen von der Frage, für wie viel Hundert-Meter Breitband das Geld wohl reichen wird, besteht die Systemfrage in Folgendem:

Was ist das für ein System, das die Daseinsvorsorge privatisiert, dann feststellt, dass ein Teil der Bevölkerung hiervon aus Profitgründen abgehängt ist, um anschließend Staatsgelder zu nehmen, um die Daseinsvorsorge doch noch sicher zu stellen und den Konzernen zugleich den Profit zu verschaffen? Es ist ein System, das die Interessen weniger zu Lasten vieler bedient.

2. Der aktuelle Schulgesetzentwurf der großen Koalition in MV

Vorgesehen ist eine Umstellung klassenbezogener Schulfinanzierung auf schülerbezogene Stundenzuweisungen. Statt Geld pro Klasse, soll es nun Geld pro Schüler geben, und das nach gewissen Kriterien: Grundbedarf pro Schüler, Schulbedarf (entsprechende des besonderen Profils der Schule), Schulleitungsbedarf, Zusatzbedarf. Das sieht alles gerecht aus, ist es aber nicht. Der Zusatzbedarf für Hochbegabte ist von der Landesregierung 3x so hoch ausgewiesen wie der für Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Was also ist das für ein System, das Eliten besonders fördert und soziale Benachteiligung zementiert? Es ist ein System des Prinzips „Teile und Herrsche“, ein System der Entsolidarisierung. Ein System, das soziale Ungerechtigkeit fortwährend reproduziert, gehört überwunden. Im Übrigen steht eine solche Auffassung durchaus auf dem Boden des Grundgesetzes, denn das Grundgesetz normiert nicht ein Wirtschaftssystem sondern die BRD als einen föderalen, sozialen Rechtsstaat.

2. Das Theater- und Orchesterkonzept der Landesregierung

Vorgesehen ist eine Reduzierung auf zwei sog. Kooperationsräume und ein Einfrieren der Finanzierung des Landes auf 35,8 Mio € bis zum Jahr 2020. Damit werden 180 Künstlerstellen vernichtet und die Theater Anklam, Parchim, Tanzkompanie Neustrelitz werden geschliffen. Was ist das für ein System, das über Jahrhunderte gewachsene kulturelle Institutionen zerstört? Es ist ein System, das auf die Gefahr des eigenen Untergangs um des Profits willen den Einzug von Barbarei hinnimmt. Der Einzug der Barbarei ist greifbar – Faschisten sind Barbaren!

 

Liebe Genossen!

Wer sich links engagiert, wer die Systemfrage stellt, begibt sich in schärfste Auseinandersetzungen. Er oder sie ist persönlichen Angriffen ausgesetzt, bis hin zur politischen Vernichtung. Linke bedürfen untereinander einer besonderen Solidarität. Solidarität geht mit Vertrauen einher. Zum Vertrauen gehört es zu wissen, mit wem man es zu tun hat.

Nicht wenige fragen dieser Tage, ob das Vertrauen in mich gerechtfertigt war. Was ist das mit seiner Biografie und seinen Studienabschlüssen? Ich habe ein Porträt in den Landtagsnachrichten im Jahr 2006 autorisiert. Darin sind fehlerhafte Angaben über den Zeitpunkt meiner letzten Prüfung an der Parteihochschule der SED und über ein aktuelles Studium enthalten. Ich habe dort wie an anderer Stelle die Bezeichnung Staats- oder Politikwissenschaftler geduldet bzw. gebraucht. Ersteres ist ein Fehler, den ich mir selbst nicht verzeihe. Zweitgenanntes lasse ich derzeit rechtlich prüfen; ich hab mich dazu selbst angezeigt.

Tatsache ist: - Ich verfüge über ein HS-Zeugnis. Jedoch nicht über ein Diplom. Das habe ich auch nie behauptet. Tatsache ist, dass ich Gesellschaftswissenschaften studiert habe. Hierfür gibt es im bundesdeutschen Sprachgebrauch keine Entsprechung. Tatsache ist; dass ich 1997 ein Fernstudium zunächst mit Vertiefung Europäische Wirtschaft aufgenommen habe. Zwischenzeitlich habe ich die Vertiefungsrichtung, nunmehr Organisation gewählt.

Ich habe mich gefragt: Wie konnte das passieren? Habe ich mich über Äußerlichkeiten definieren wollen? Es ist mir eine Lehre fürs Leben: Nicht das Haben zählt, sondern das Sein, also die Persönlichkeit, die inneren Werte, der Mensch mit Stärken und Schwächen, Begabungen und Defiziten.

Was ich teilweise über mich lese oder erfahre, ist eher wie etwas über einen Fremden – „Das bist doch nicht du!“, spricht es in mir.  Aber die Fehler habe ich nun mal gemacht. Was ich nicht vernachlässige, ist die Einordnung in politische Zusammenhänge: beispielsweise die zeitliche Nähe zu meiner „Unrechtsstaat-Rede“ auf dem Landesparteitag und die Prognose, dass laut einer Veröffentlichung der Publikation „Politik und Kommunikation“, der BT-Wahlkreis 18 von der CDU an Die Linke gehen wird.

Ich habe in jüngster Zeit gespürt, dass das Vertrauen mir gegenüber Schaden genommen hat. Vertrauen kann man nicht ein werben. Vertrauen muss man sich erwerben. Ob ich aber euer Vertrauen wiedergewinnen kann, weiß ich nicht.

Was ich weiß: Ich will darum kämpfen – als Sozialist unter Sozialisten.

 

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