|
DOKUMENTE
- STANDPUNKTE - PRESSE
Rede
von
Torsten Koplin
zum Antrag „Historische
Debatte offensiv führen“
auf
dem Landesparteitag DIE LINKE MV am
25.10.2008 in Sternberg
Liebe
Genossinnen und Genossen, liebe
Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Gäste,
die
Schriftstellerin Brigitte Reimann, die die letzten Jahre ihres
Lebens ins Neubrandenburg wohnte und arbeitete, hat in ihren
Tagebüchern einen berührenden Lebensweg gezeichnet. Ich möchte
zwei Begebenheiten hieraus zitieren.
Sie
schreibt mit Eintrag vom 29. April 1960: „Lutz (Anmerkung T.K.:
Lutz ist ihr Bruder) ist mit Gretchen und dem Krümel in den
Westen gegangen (er ist eben jetzt – vielleicht nur zwei oder
drei Kilometer entfernt und dennoch unerreichbar – im Flüchtlingslager
Marienfelde). Spüre zum erstenmal schmerzlich – und nicht nur
mit dem Verstand – die Tragödie unserer zwei Deutschland. Die
zerrissenen Familien, das Gegeneinander von Bruder und Schwester
– welch ein literarisches Thema! … Lutz ist ein Wirrkopf.
…Im Prinzip verurteile ich sein Handeln – aber Lutz ist mein
Bruder, ich liebe ihn, wir haben uns viele Jahre lang gut
verstanden. Ich bin sehr traurig. Ich weinte, als ich an der Tür
Muttis Stimme hörte, ihr zerbrechendes „Auf
Wiedersehen“.“
Mit
Einträgen vom 16. und 22.12.1965 – es war die Zeit nach dem
unsäglichen „Kulturplenum“ der SED – ist zu lesen:
„Heute war die Rede Honeckers auf dem ZK-Plenum abgedruckt.
Die Katze ist aus dem Sack: die Schriftsteller sind schuld an
der sittlichen Verrohung der Jugend. Destruktive Kunstwerke,
brutale Darstellungen, westlicher Einfluss, Sexualorgien, weiß
der Teufel was – und natürlich die böse Lust am Zweifeln.
Die Schriftsteller stehen meckernd abseits, während unsere
braven Werktätigen den Sozialismus aufbauen. Der Staat zahlt,
und die Schriftsteller – blablabla. Es ist zum Kotzen. …
Sonntag waren die Diskussionsreden vom 11. Plenum im ND.
Konzentriertes Feuer, Schmähungen im „Pinscher“-Stil. Alles
wie gehabt, wie 56. Rückfall in den Stalinismus. Abgrenzung
auch gegen andere soz. Staaten und ihre revisionistischen
Tendenzen. Kurella ist wieder groß da; Fröhlich beschimpft uns
in seiner bewährten rüden Manier. Ich habe immerzu geheult vor
Wut.“
Diese
Tagebucheintragungen sind zwei Momentaufnahmen, die
widerspiegeln:
Eine
Frau, die für ihr Land und für ihre Ideale eintritt. Eine
Frau, die verletzt wird durch das Verhalten anderer und durch
die Verhältnisse.
Können
wir nicht alle, die wir die DDR bewusst erlebt haben, unsere
Geschichten erzählen, weil wir Geschichte geschrieben haben?
Es
sind Geschichten von harter Arbeit und schönen Festen, von
Leistung und Entbehrung, vom miteinander Leben und miteinander
Streiten. Es sind Geschichten von Liebe, Freundschaft und
Trauer. Sie handeln von Erfüllung und Nichterfülltem, von
Anstand und Fehlverhalten.
Was
ich sagen will: Geschichte ist das Resultat handelnder Personen
und jede von ihnen verfolgt eigene Ziele. Insofern ist
Geschichte etwas Interessengeleitetes, sowohl was das zugrunde
liegende Handeln angeht, als auch, was den Umgang mit ihr
betrifft.
Historische
Daten sind dabei so etwas wie Wegmarken. Man kann achtlos an
ihnen vorbei gehen. Man kann sie aber auch als etwas Nützliches
ansehen.
Für
uns LINKE sind historische Daten des Jahres 2009, wie
-
der 90. Jahrestag der Ermordung von Karl
Liebknecht und Rosa Luxemburg,
-
60 Jahre Grundgesetz der BRD
-
60. Jahrestag der Gründung der BRD und der DDR
-
20 Jahre Anfang vom Ende der DDR
zumindest
zweifach bemerkenswerte, im gewissen Sinne, nützliche
Wegmarken.
Zum
einen zur Klärung unseres politischen Selbstverständnisses.
-
Wer sind wir?
-
Welche politischen Wurzeln haben wir?
-
Wo wollen wir hin?
-
Wofür wollen wir andere Menschen begeistern?
Zum
anderen nützlich in der politischen Auseinandersetzung. Die
wird uns spürbar aufgedrängt. Das ist völlig normal. Wichtig
ist aber: Wir müssen sie selber suchen.
Es
ist dabei immer eine Auseinandersetzung um Begriffe.
Bundespräsident
Horst Köhler hat vor einigen Wochen in einem Forum in Pasewalk
sinngemäß gesagt, er würde nicht müde werden, die DDR einen
Unrechtsstaat zu nennen. Menschen, die sich in der DDR anständig
verhalten hätten, würden Anerkennung und Respekt verdienen.
Soviel
vorweg: Selbstverständlich gebührt denjenigen, die sich in der
DDR Zeit integer verhalten haben, Anerkennung und Respekt. Das
steht außer Zweifel. Genauso, wie wir verübtes Unrecht als
solches benennen und verurteilen.
Den
Begriff „Unrechtsstaat“ halte ich aber für einen
politischen Kampfbegriff. Nicht allein, weil er kein
Rechtsbegriff ist. Ich denke in diesem Zusammenhang an Überlegungen
des britischen Kunsthistorikers und Essayisten John Berger. Er
hat sich in seinem jüngsten Buch mit der Frage
auseinandergesetzt, was Menschen dazu bewegt
- Kürzungen der Sozialleistungen hinzunehmen,
- Mindestlöhne abschaffen zu lassen,
-
auf die Kontrolle der Arbeitsbedingungen zu
verzichten,
-
die Privatisierungen von Sozialleistungen zu
akzeptieren?
Er
kam zu dem Schluss, dass neben der Tatsache, dass Menschen in
wirtschaftliche Katastrophen gestürzt und anschließend in
Panik versetzt werden, der Umstand, dass man ihnen das Identitätsgefühl
bricht, dass man ihre Geschichte systematisch demontiert und
zerstückelt. Und das, so
meine ich, geschieht, wenn die DDR auf den Begriff Unrechtsstaat
gebracht, festgemacht und reduziert wird.
Im
Übrigen ist es lohnenswert zu lesen, was die Enquetekommission
des Landtages Mecklenburg-Vorpommerns zum Thema „Leben in der
DDR - Leben nach 1989“ zu Papier gebracht hat. Sie bezeichnet
die DDR nicht als Unrechtsstaat.
Im
näheren Umgang mit dem Begriff „Unrechtsstaat“ ergeben sich
zwei Fragen:
Wer
bildet eigentlich den Staat? Aber das lasse ich jetzt mal
beiseite. Und: War die DDR ein Unrechtsstaat? Diese Frage
wiederum ist zweifach beleuchtbar.
Zum
Einen: Hat dieser Staat zu Unrecht existiert? Hierzu sage ich
Nein. Die DDR-Geschichte ist nicht ohne Erinnerung an die
Vorgeschichte, an die Zeit vor und nach 1945 hinreichend möglich.
Zum
anderen geht es um die Frage nach dem DDR-Recht. Dabei spielen
solche Fragen eine Rolle, wie: Hat es in der DDR Recht gegeben?
Das ist mit JA zu beantworten. Weiter: War dieses Recht verlässlich,
also nachlesbar, einklagbar etc.? Auch dies ist mit JA zu
beantworten, wenn auch nicht mit einem uneingeschränkten Ja.
Und es ist die Frage zu stellen: Hat es Unrecht gegeben? Dies
ist klar zu bejahen. Das bestehende Recht wurde gebeugt,
politisch missbraucht und manipuliert.
Dieses
Unrecht geschah im Wesentlichen auf Basis des Stalinismus als
System. Mit diesem System haben wir gebrochen und wir müssen
acht geben, dass es dabei bleibt. Wir haben uns für die
Vergehen entschuldigt und müssen die Glaubwürdigkeit dieser
Entschuldigung unter Beweis stellen. Mit jedem Tag.
Linke
Kritik an der DDR muss schonungslos sein, aber auch
differenziert. Differenziert meint weder Relativierung noch
Rechtfertigung. Das möchte ich ausdrücklich betonen.
Aber
die Differenziertheit macht den Unterschied!
Unsere
politischen Kontrahenten haben an einer differenzierten
Betrachtung kein Interesse. Ihnen reichen Schlagwörter, die wie
nasse Sandsäcke nieder gehen, die wie Fausthiebe
niederstrecken sollen. Wörter wie Zone, Mauer, Stacheldraht,
Wahlfälschung, Wirtschaftskollaps und eben Unrechtsstaat.
Diese
Wörter werden zu Stereotypen mit negativem Bezug. Aber
eigentlich hat unsere politische Konkurrenz Angst. Angst, die
aggressiv zum Ausdruck kommt.
Die
Angst besteht darin, dass, wenn noch mehr Zinksärge aus
Afghanistan kommen, wenn das Lebensnotwendige, wie Energie und
Wasser unbezahlbar wird, wenn der Sozialstaat noch mehr
geschleift wird, dass dann die Einsicht wächst: Es geht auch
anders!
Linke
Kritik an der DDR und SED muss schonungslos sein, weil wir
Lehren ziehen wollen und diese wach halten müssen. Das sage ich
auch angesichts meiner Biographie.
Neoliberale
Kritik will eines erreichen, Verleumdung. Denn ein neuer Versuch
der Bildung einer nichtkapitalistischen Gesellschaft soll
unterbunden werden.
Wo
aber ist der Maßstab für unsere Bewertungen in einer
historischen Debatte? Wenn lediglich Einzelbetrachtungen,
Standpunkte und Erlebnisse aneinander oder gegeneinander gelegt
werden, geht eine historische Debatte aus wie das Hornberger
Schießen. Der Maßstab liegt meines Erachtens im humanistischen
Gehalt der UN-Menschenrechtskonvention von 1948 und des
Grundgesetzes. Beide fixieren die Menschenrechte und normieren
soziale Gebote. Dass wir dies in der historischen Debatte
einfordern, ist den politischen Kontrahenten ein Graus.
Und
noch etwas verursacht ihnen größtes Unbehagen: Dass wir die
historische Debatte mit aktuellen Themen verknüpfen könnten.
Es ist heute mehrfach von Marx die Rede gewesen und davon, dass
es sinnvoll ist, das „Kapital“ zu lesen. Ich möchte euch
dazu ermuntern, auch andere Texte von ihm zu lesen. Sie sind
sprachlich ein Genuss und zweifelsohne lehrreich.
So
hat Karl Marx im April 1853 für die Zeitschrift „The
people’s paper“ einen Artikel zum Thema Finanzkrise
geschrieben. Damals hatten sich Börsenspekulanten in den
indischen Kolonien mit „Salz-Aktien“ verzockt. Marx
untersuchte in diesem Zusammenhang das Finanzgebaren der
britischen Regierung. Wie frappierend sind die Ähnlichkeiten
mit dem Handeln heutiger Regierungen.
Damit
die Banken wieder zu Geld kamen, legte man damals einen
„Schatzkammerbonds“ auf. Heute heißt das Rettungspaket.
Damit der Geldfluss wieder einsetzt, wurde der Leitzins von 3%
auf 2,75% reduziert. Heute geschieht dasselbe. Seinerzeit wurden
Wertpapiere umgetauscht. Heute heißt das „Übernahme von
Risiko- oder Schrottpapieren“. Früher hießen die
Finanzalchimisten Gladstone und Disraeli, heute Merkel und
Steinbrück.
Fazit:
Neoliberale haben immer nur die alten Rezepte, um den
abgewirtschafteten Kapitalismus in Schwung zu behalten.
Somit
wird jede historische Debatte, die wir offensiv anzetteln, eine
Debatte um die Systemfrage. Und das ist der Punkt. Die
historische Debatte führt unweigerlich zur Systemfrage. Es ist
dies die Frage: „Wie wollen wir leben?“
Lasst
uns selbstbewusst und selbstkritisch mit unserer
widerspruchsvollen Geschichte umgehen. Das macht auch anderen
Mut und gibt Kraft, damit endlich auf den Straßen und Plätzen
der Ruf ertönt– ein Ruf, der mir einst Angst machte und den
ich heute herbeisehne: „Wir sind das Volk!“
|