Unrechtsbewußtsein
Ich höre, dass führende Mitglieder des
Landesvorstandes meiner Partei DIE LINKE die hasserfüllte Diffamierung der DDR
als von Anfang an ein „Unrechtsstaat" diskutieren. Ist die Kinkelsche
Delegitimierungsstrategie nun auch von uns übernommen? Das enttäuscht mich sehr.
Ein Beitrag zum Vereinigungsjubiläum?
Wann ist denn ein Staat ein
„Unrechtsstaat"? Bei mehr als 50% Unrecht? Und wie viel Unrecht darf sich ein
Rechtsstaat (z.B. BRD) erlauben? Weniger als 50%? Wer gehörte zum
„Unrechtsstaat" DDR – die Staatsmacht und die SED, alle gesellschaftlichen
Organisationen oder gar alle Bürgerinnen und Bürger? Haben die Trümmerfrauen und
Neubauern, die Neulehrer und ABF-Studenten, die Aktivisten und Mitläufer, die
LPG, Kombinate und VEB, die Hausgemeinschaften und alle Nichtgenannten einen
„Unrechtsstaat" aufgebaut und getragen, ohne dass sie das erkannten? Wollten sie
das so oder haben die Regierenden das so mit ihnen gemacht? Konnten wir diese
Entwicklung nicht verhindern, weil uns vielleicht das Geld und der Rat aus dem
Westen fehlte?
Dass unter dem „SED-Regime" (waren nicht
auch andere beteiligt?) nicht alles Gold war, was glänzte, dass es Unrecht und
Falsches, Demagogie und Dogmatismus, auch Verbrechen und Rechtsverletzungen,
Täuschungen und Selbsttäuschungen gab, bestreitet heute niemand mehr, aber das
SED-Regime war doch nicht nur Terror, Mord und Repression.
Die denkenden Genossinnen und Genossen
wissen und bereuen das sehr. In diesem Erkennen der Mitschuld, in diesem Lernen
aus Fehlern liegt doch der Sieg über das Unrecht. Selbstkritische Einsichten und
das Eintreten für einen besseren Weg zum demokratischen Sozialismus machen sie
ehrlich. Sehen einige führende Genossen diesen Wandel vom Unrecht zum Recht
nicht, indem sie Lebensleistungen diskreditieren und verurteilen? Das ist keine
helfende Motivation für politisches Engagement in Freiheit und Demokratie.
Übrigens: In welchem Staat der Welt gibt es
nicht auch Unrecht und Repression? In welchem Land gibt es nicht auch
Andersdenkende und Dissidenten? Ein bisschen mehr Einsicht in die tatsächliche
Lage, ein bisschen mehr historischen Sachverstand täte den westdeutschen
Beurteilern der DDR und ihren östlichen Nachbetern gut. Man sollte nicht mit
Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt.
Ein Unrechtsbewusstsein zu zeigen, fällt
vielen schwer, es sind ja oft peinliche Eingeständnisse eigener Versäumnisse und
Fehler. Man befrage mal die Bankmanager, die Preistreiber, die Terroristen. Sie
alle fühlen sich im Recht und stützen den Rechtsstaat, um ihn zu (miss)brauchen.
Unrecht haben sie nicht. Ich dagegen, sehe viel neues, nicht gekanntes Unrecht
in meinem Land, z.B. im Bildungs-, Gesundheits- und Finanzwesen, obwohl es sich
Rechtsstaat nennt.
Doch wer schreibt die Geschichte? Der
Sieger! Wehrt euch"
Dr. Horst Parlow