Seit
Tagen berichtet die bürgerliche Presse über angeblichen Hartz-IV-Missbrauch.
Offensichtlich
versuchen neoliberale Politiker gemeinsam mit willigen Auftragsforschern und
skrupellosen Journalisten ein Bündnis zur Durchsetzung neuer
Leistungskürzungen im Sozialbereich zu schmieden.
Diese
Debatte diskriminiert 7,3 Mill. Menschen, die von diesem Leben in Armut
betroffen sind.
Wenn
nun Wissenschaftler der TU Chemnitz gar meinen, der Hartz-IV-Regelsatz wäre
noch zu hoch, ist das an Zynismus nicht zu übertreffen.
Die
Autoren der Chemnitzer Studie ersetzen schlicht und einfach die gesetzlich
festgelegte Bedarfsermittlung durch ihre eigenen Vorstellungen. Auf dieser
Grundlage berechnen sie einen Mindestlebensunterhalt von ganzen 132 Euro pro
Monat. Für Freizeit, Unterhaltung und Kultur sind beispielsweise in dieser
Minimalvariante 1 Euro vorgesehen. Das hat mit Menschenwürde, Teilhabe an der
Gesellschaft und Armutssicherung nichts zu tun. Nichts scheint wissenschaftlich
abstrus genug, um irgendwie in die Schlagzeilen zu kommen.
Hartz
IV hat die Armut und die Ausgrenzung in der Gesellschaft erhöht. 6-8 Prozent
der ALG-II-Bezieher berichten, dass sie sich keine warme Mahlzeit am Tag leisten
können, dass die Wände ihrer Wohnung feucht sind, dass sie Probleme mit der
pünktlichen Bezahlung der Nebenkosten haben oder dass sie rezeptfreie
Medikamente nicht bezahlen können.
Das
Hauptproblem an Hartz IV ist das Gesetz selbst. Es drückt Millionen Menschen in
Armut. Und es macht den Arbeitsmarkt kaputt, weil die Leute dazu gezwungen
werden, zu jedem Hungerlohn zu arbeiten. Seriöse Zahlen zeigen, dass der
Missbrauch bei Hartz IV nicht über dem Durchschnitt bei anderen
Sozialleistungen liegt.
Die
steigenden Zahlen haben vor allem einen Grund: Immer mehr Menschen sind auf
Sozialleistungen angewiesen, weil sie arbeitslos sind oder zu wenig verdienen,
um davon leben zu können. Deshalb erhält jeder zehnte Deutsche Leistungen nach
dem Hartz-IV-Gesetz.. Es ist ein unglaublicher Zynismus, diesen Menschen zu
sagen, sie könnten mit 132 Euro im Monat auskommen, wenn sie aufs Telefon
verzichten und die Kleider von der Resterampe holen würden. 132 Euro im Monat -
das ist in etwa so viel, wie ein deutscher Professor mit 50.000 Euro
Jahresgehalt am Tag zur Verfügung hat. Die Wissenschaftler in Chemnitz sollten
ihr Gedankenexperiment am eigenen Leib in die Tat umzusetzen.
Es
ist bekannt, dass Langzeiterwerbslose tendenziell mehr krank sind als andere
Menschen. Das hat mit den unzureichenden Leistungen für Hartz-IV-Bezieherinnen
und Beziehern zu tun, die sich keine gesunde Ernährung und keine Mitgliedschaft
in Sportvereinen leisten können. Die Stigmatisierungen, Demütigungen und
Repressionen tun ihr übriges.
Statt
Langzeiterwerbslose, die sich krankschreiben lassen, unter Generalverdacht zu
stellen, sollten die Regelleistungen erhöht werden, damit die Betroffenen
ausreichend für ihre Gesundheit vorsorgen können.
Das
wäre eine soziale Politik, die diesen Namen auch verträgt, statt nach schärferen
Kontrollen von Arbeitslosengeld-II-Beziehern zu rufen.
Dieter
Kowalick