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Interview
mit Irina Parlow, OB-Kandidatin für Neubrandenburg (Fortsetzung des Interviews
/ 1. Teil im Februarheft)
Dein
Engagement für Kinder- und Jugendarbeit ist bekannt und wird anerkannt. Aber
Neubrandenburg altert kontinuierlich, wir haben immer mehr Senioren in unserer
Stadt. Warum soll ein Rentner Dich wählen?
Die
Menschen leben nun mal länger als früher. Ich freue mich über jeden Tag, an
dem ich meine Eltern (79 und 80 Jahre alt) sehe, mit ihnen reden und gemeinsame
Stunden verbringen kann. Seelischer und kultureller Reichtum verbirgt sich bei
unseren Senioren. Man muss die Stadt seniorenfreundlich gestalten. Auf den
Erfahrungsschatz der Senioren und ihr Feingefühl für die Lehren aus der
Geschichte können und dürfen wir nicht verzichten.
Wie
kann Neubrandenburg attraktiver werden? Sowohl für die Menschen, als auch für
die Wirtschaft?
Das
sind zwei Seiten einer Medaille. Die Wirtschaft im weitesten Sinne bildet das Rückgrat
unserer Stadt. Arbeiten viele Menschen, geht es der Wirtschaft in der Stadt gut,
und umgekehrt. Ich will ein kulturelles und sportliches, sozial vertretbares
reichhaltiges Leben in der Stadt, das mit dazu beiträgt, Jugend in der Stadt zu
halten. Und keine Ausgrenzung von Hartz-IV-Empfängern, Rentnern und Migranten.
Wir leben hier gemeinsam, arbeiten gemeinsam, erholen uns gemeinsam.
Ich
will die Fragen der Wirtschaft, die ich als Oberbürgermeisterin lösen kann,
auch direkt im Rathaus mit den Fachbereichen gemeinsam lösen. Dabei muss die
Zusammenarbeit mit den Verbänden gesucht werden und die Stadtverwaltung als
Dienstleister und Partner für Unternehmen und Bürger dienen.
Die
Klein- und Kleinstunternehmer sind ein wichtiger Motor der regionalen
Wirtschaft. Die Gestaltung der Auftragsvergabe durch städtische Unternehmen
muss fair und besonnen erfolgen. Gesetze können auch positiv gelesen und
ausgelegt werden. Hier ist die Kreativität der Verwaltung gefordert.
Nicht
nur Sozialpolitik ist kostspielig, wie kann eine mittlerweile hoch verschuldete
Stadt wie Neubrandenburg sich linke Politik leisten?
Jeder
neue Bürgermeister hat es mit dem verschuldeten Haushalt zu tun. Soziales,
kulturelles und wirtschaftliches engagiertes Denken und Handeln ist kein
Privileg der Linken. Aber man muss den Haushalt der Stadt vielleicht mit anderen
Schwerpunkten versehen, mit der Landesregierung besser gemeinsam beraten,
EU-Mittel zielgerichteter angehen, die Wirtschaft der Stadt mit in das
gemeinsame Boot nehmen, Prestigeprojekte hinterfragen, die stadteigenen Betriebe
zwingen, für die Stadt und nicht die Gehälter der Geschäftsführer zu
arbeiten.
An
dieser Stelle eine Nachfrage: Der HKB-Umbau wird nicht nur weiter verschoben,
sondern auch immer teurer. Inzwischen ist schon von 28 Millionen die Rede. Wie
siehst Du das als OB-Kandidatin?
Genauso
kritisch wie viele Neubrandenburger oder das Innenministerium. Unsere Stadt hat
gegenwärtig weder das Geld für das vorliegende Bauprojekt, das übrigens vom
alten HKB kaum noch etwas Erkennbares übrig lässt, noch – und das ist viel
schlimmer – kann Neubrandenburg auf absehbare Zeit die Folgekosten schultern.
Hier ernsthaft nach Alternativen zu suchen und durch umfassende und fundierte
Fakten dafür zu werben wäre eine vordringliche Aufgabe. Eine Sanierung und
Modernisierung des HKB kostet eben nur 10 Millionen.
Was
setzt Du dem Argument entgegen, ein linker OB würde Investoren abschrecken?
Dass
Abschreckung keine Frage des Parteibuches ist, hat Paul Krüger in den
vergangenen sieben Jahren eindrucksvoll bewiesen. Da erfolgte die Abschreckung
ohne „linkes“ Parteibuch. Die Wirtschaft denkt Profit orientiert. Wenn
Neubrandenburg für die Wirtschaft interessant ist, kommt sie - ob linker oder
CDU-Bürgermeister spielt dabei keine Rolle. Soziales, kulturelles Umfeld,
qualifiziertes Fachpersonal und gute Erreichbarkeit per Schiene und Straße sind
die Hauptkriterien der Wirtschaft. Diese gemeinsam zu erfüllen ist eine der
wichtigsten Aufgaben, denn eine starke Wirtschaft für die Stadt bedeutet
gesicherten Wohlstand für die Bürgerinnen und Bürger.
Welche
Rolle wird Neubrandenburg künftig für die Region spielen?
Oberzentrum
wird Neubrandenburg doch auf jeden Fall sein bzw. bleiben. Von dem, was die
Stadt bietet, lebt die ganze Region. Denken wir nur an die 17.000, die täglich
hierher zur Arbeit kommen. Auf vielen Gebieten gibt es bereits Kooperationen –
siehe Sparkasse, Musikschule, Theater. Bei allen Überlegungen muss der Nutzen für
die hier lebenden Menschen im Vordergrund stehen. Behördengänge, die ein
Neuendorfer nur in Neustrelitz erledigen kann, sind genauso unsinnig wie es für
Neubrandenburger auf Dauer unzumutbar ist, sportliche oder kulturelle Angebote für
Umlandbewohner zu finanzieren. Hier gilt es, ein gesundes Klima zu schaffen und
miteinander zu arbeiten statt gegeneinander. Dafür will ich mich einsetzen.
Welche
Standorte in Neubrandenburg hältst Du für besonders fördernswert?
Noch
bin ich nicht OB, noch gibt es gefasste Beschlüsse, die ich nicht alle per
Federstrich außer Kraft setzen würde und auch nicht will. Grundsätzlich muss
aber auch hier ein gesundes Verhältnis von kleineren Zentren in den Stadtteilen
und der gepflegten Innenstadt bestehen. Gewerbeparks haben wir, wenn ich die Bevölkerungsdichte
sehe, erstmal genug. Industriebrachen zu ansehnlichen Stadtflächen zu
entwickeln, da sehe ich genug Arbeit.
Als
OB hättest Du sicher auch Vorstellungen zu vorrangigen Investitionen?
Ja,
da gibt es sicher eine Menge. Aber kurz gesagt: Für mich ist all das vorrangig,
was mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Andererseits ist die Bewahrung der
Unverwechselbarkeit und Geschichte unserer Stadt aus meiner Sicht besonders
wichtig.
Tolle
Gymnasien sind zwar schön, aber zuerst kommen die Kinder in Tagesstätten,
Grund- und Regionalschulen. Da ist baulich und ausstattungsmäßig viel
Nachholebedarf, genauso aber im Freizeitbereich – bei Spiel- oder Bolzplätzen
und Sportstätten. Und die historischen Bauten müssen wieder erlebbar werden.
Das ehemalige Kloster, die Stadtmauer mit Toren und Wiekhäusern dürfen nicht
weiter verfallen sondern müssen erhalten und genutzt werden. Die meisten Gäste
gelangen durch das so genannte „Bahnhofstor“ in die Innenstadt - gerade da müssen
wir noch attraktiver werden.
Standort
Neubrandenburg insgesamt. Besucher äußern sich z.B. nach einem Stadtrundgang
immer begeistert. Ob es einer Oberbürgermeisterin Irina Parlow gelingen wird,
noch mehr mit diesem Pfund zu wuchern?
Das
Stadtmarketing für Neubrandenburg ist stark zu verbessern. Ja, wir sind
Sportstadt – aber finden hier bedeutsame Wettkämpfe statt, die zahlreiche
auswärtige Besucher herlocken? Bundesweit und international sind wir bekannt
durch Fritz Reuter, Brigitte Reimann, Jazz-Frühling, Dok-Art, Philharmonie,
Hochschule, Musikschule, Konzertkirche und die vier Tore mit der Stadtmauer. Und
wir haben zahlreiche Unternehmen, die international arbeiten und für
Neubrandenburg werben könnten. Neubrandenburg ist eine lebendige und
interessante Stadt mit vielen Besonderheiten. Deshalb fände ich es spannend,
als Oberbürgermeisterin diese Vorzüge ausbauen und darstellen zu können.
Danke
fürs Interview!
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