DIE LINKE. 

in Neubrandenburg

 

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März 2008

Interview mit Irina Parlow, OB-Kandidatin für Neubrandenburg (Fortsetzung des Interviews / 1. Teil im Februarheft)

 

Dein Engagement für Kinder- und Jugendarbeit ist bekannt und wird anerkannt. Aber Neubrandenburg altert kontinuierlich, wir haben immer mehr Senioren in unserer Stadt. Warum soll ein Rentner Dich wählen?

Die Menschen leben nun mal länger als früher. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich meine Eltern (79 und 80 Jahre alt) sehe, mit ihnen reden und gemeinsame Stunden verbringen kann. Seelischer und kultureller Reichtum verbirgt sich bei unseren Senioren. Man muss die Stadt seniorenfreundlich gestalten. Auf den Erfahrungsschatz der Senioren und ihr Feingefühl für die Lehren aus der Geschichte können und dürfen wir nicht verzichten.

Wie kann Neubrandenburg attraktiver werden? Sowohl für die Menschen, als auch für die Wirtschaft?

Das sind zwei Seiten einer Medaille. Die Wirtschaft im weitesten Sinne bildet das Rückgrat unserer Stadt. Arbeiten viele Menschen, geht es der Wirtschaft in der Stadt gut, und umgekehrt. Ich will ein kulturelles und sportliches, sozial vertretbares reichhaltiges Leben in der Stadt, das mit dazu beiträgt, Jugend in der Stadt zu halten. Und keine Ausgrenzung von Hartz-IV-Empfängern, Rentnern und Migranten. Wir leben hier gemeinsam, arbeiten gemeinsam, erholen uns gemeinsam.

Ich will die Fragen der Wirtschaft, die ich als Oberbürgermeisterin lösen kann, auch direkt im Rathaus mit den Fachbereichen gemeinsam lösen. Dabei muss die Zusammenarbeit mit den Verbänden gesucht werden und die Stadtverwaltung als Dienstleister und Partner für Unternehmen und Bürger dienen.

Die Klein- und Kleinstunternehmer sind ein wichtiger Motor der regionalen Wirtschaft. Die Gestaltung der Auftragsvergabe durch städtische Unternehmen muss fair und besonnen erfolgen. Gesetze können auch positiv gelesen und ausgelegt werden. Hier ist die Kreativität der Verwaltung gefordert.

Nicht nur Sozialpolitik ist kostspielig, wie kann eine mittlerweile hoch verschuldete Stadt wie Neubrandenburg sich linke Politik leisten?

Jeder neue Bürgermeister hat es mit dem verschuldeten Haushalt zu tun. Soziales, kulturelles und wirtschaftliches engagiertes Denken und Handeln ist kein Privileg der Linken. Aber man muss den Haushalt der Stadt vielleicht mit anderen Schwerpunkten versehen, mit der Landesregierung besser gemeinsam beraten, EU-Mittel zielgerichteter angehen, die Wirtschaft der Stadt mit in das gemeinsame Boot nehmen, Prestigeprojekte hinterfragen, die stadteigenen Betriebe zwingen, für die Stadt und nicht die Gehälter der Geschäftsführer zu arbeiten.

An dieser Stelle eine Nachfrage: Der HKB-Umbau wird nicht nur weiter verschoben, sondern auch immer teurer. Inzwischen ist schon von 28 Millionen die Rede. Wie siehst Du das als OB-Kandidatin?

Genauso kritisch wie viele Neubrandenburger oder das Innenministerium. Unsere Stadt hat gegenwärtig weder das Geld für das vorliegende Bauprojekt, das übrigens vom alten HKB kaum noch etwas Erkennbares übrig lässt, noch – und das ist viel schlimmer – kann Neubrandenburg auf absehbare Zeit die Folgekosten schultern. Hier ernsthaft nach Alternativen zu suchen und durch umfassende und fundierte Fakten dafür zu werben wäre eine vordringliche Aufgabe. Eine Sanierung und Modernisierung des HKB kostet eben nur 10 Millionen.

Was setzt Du dem Argument entgegen, ein linker OB würde Investoren abschrecken?

Dass Abschreckung keine Frage des Parteibuches ist, hat Paul Krüger in den vergangenen sieben Jahren eindrucksvoll bewiesen. Da erfolgte die Abschreckung ohne „linkes“ Parteibuch. Die Wirtschaft denkt Profit orientiert. Wenn Neubrandenburg für die Wirtschaft interessant ist, kommt sie - ob linker oder CDU-Bürgermeister spielt dabei keine Rolle. Soziales, kulturelles Umfeld, qualifiziertes Fachpersonal und gute Erreichbarkeit per Schiene und Straße sind die Hauptkriterien der Wirtschaft. Diese gemeinsam zu erfüllen ist eine der wichtigsten Aufgaben, denn eine starke Wirtschaft für die Stadt bedeutet gesicherten Wohlstand für die Bürgerinnen und Bürger.

Welche Rolle wird Neubrandenburg künftig für die Region spielen?

Oberzentrum wird Neubrandenburg doch auf jeden Fall sein bzw. bleiben. Von dem, was die Stadt bietet, lebt die ganze Region. Denken wir nur an die 17.000, die täglich hierher zur Arbeit kommen. Auf vielen Gebieten gibt es bereits Kooperationen – siehe Sparkasse, Musikschule, Theater. Bei allen Überlegungen muss der Nutzen für die hier lebenden Menschen im Vordergrund stehen. Behördengänge, die ein Neuendorfer nur in Neustrelitz erledigen kann, sind genauso unsinnig wie es für Neubrandenburger auf Dauer unzumutbar ist, sportliche oder kulturelle Angebote für Umlandbewohner zu finanzieren. Hier gilt es, ein gesundes Klima zu schaffen und miteinander zu arbeiten statt gegeneinander. Dafür will ich mich einsetzen.

Welche Standorte in Neubrandenburg hältst Du für besonders fördernswert?

Noch bin ich nicht OB, noch gibt es gefasste Beschlüsse, die ich nicht alle per Federstrich außer Kraft setzen würde und auch nicht will. Grundsätzlich muss aber auch hier ein gesundes Verhältnis von kleineren Zentren in den Stadtteilen und der gepflegten Innenstadt bestehen. Gewerbeparks haben wir, wenn ich die Bevölkerungsdichte sehe, erstmal genug. Industriebrachen zu ansehnlichen Stadtflächen zu entwickeln, da sehe ich genug Arbeit.

Als OB hättest Du sicher auch Vorstellungen zu vorrangigen Investitionen?

Ja, da gibt es sicher eine Menge. Aber kurz gesagt: Für mich ist all das vorrangig, was mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Andererseits ist die Bewahrung der Unverwechselbarkeit und Geschichte unserer Stadt aus meiner Sicht besonders wichtig.

Tolle Gymnasien sind zwar schön, aber zuerst kommen die Kinder in Tagesstätten, Grund- und Regionalschulen. Da ist baulich und ausstattungsmäßig viel Nachholebedarf, genauso aber im Freizeitbereich – bei Spiel- oder Bolzplätzen und Sportstätten. Und die historischen Bauten müssen wieder erlebbar werden. Das ehemalige Kloster, die Stadtmauer mit Toren und Wiekhäusern dürfen nicht weiter verfallen sondern müssen erhalten und genutzt werden. Die meisten Gäste gelangen durch das so genannte „Bahnhofstor“ in die Innenstadt - gerade da müssen wir noch attraktiver werden.

Standort Neubrandenburg insgesamt. Besucher äußern sich z.B. nach einem Stadtrundgang immer begeistert. Ob es einer Oberbürgermeisterin Irina Parlow gelingen wird, noch mehr mit diesem Pfund zu wuchern?

Das Stadtmarketing für Neubrandenburg ist stark zu verbessern. Ja, wir sind Sportstadt – aber finden hier bedeutsame Wettkämpfe statt, die zahlreiche auswärtige Besucher herlocken? Bundesweit und international sind wir bekannt durch Fritz Reuter, Brigitte Reimann, Jazz-Frühling, Dok-Art, Philharmonie, Hochschule, Musikschule, Konzertkirche und die vier Tore mit der Stadtmauer. Und wir haben zahlreiche Unternehmen, die international arbeiten und für Neubrandenburg werben könnten. Neubrandenburg ist eine lebendige und interessante Stadt mit vielen Besonderheiten. Deshalb fände ich es spannend, als Oberbürgermeisterin diese Vorzüge ausbauen und darstellen zu können.

Danke fürs Interview!

 

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