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Interview
mit Irina Parlow, OB-Kandidatin für Neubrandenburg
Irina
Parlow von heute, Fraktionsvorsitzende der Linken in der Ratsversammlung, kennen
viele. Aber bitte ein paar Worte zu früher.
Geboren
1958 in Templin. Meine Laufbahn hat mit Kinderkrippe und Kindergarten begonnen.
Durchaus DDR-typisch (lacht). Seit 1967 in Neubrandenburg. Berufsausbildung mit
Abitur zum Zootechniker in Jürgenstorf. Dort nach Studium in Schwerin
Agraringenieurpädagogin. Weitere Studien Politökonomie in Berlin-Karlshorst,
Rechtswissenschaft an der Humboldt-Uni und zuletzt Kulturmanagement an der
Fern-Uni in Hagen. Nach der Wende mit Unterbrechungen und immer wieder neu. Aber
auch das ist typisch. Heute bin ich beruflich Sozialversicherungsangestellte bei
einer Krankenkasse.
Privat:
Ein Sohn, inzwischen schon 27. Seit drei Jahren bin ich verheiratet mit Dr.
Andreas Henselmann, Rechtsanwalt in Berlin.
Aber
den Namen Parlow hast du behalten.
Ja,
Henselmann ist ein guter Name, aber der jetzige auch und Irina Parlow ist schließlich
seit Jahren Ratsfrau in Neubrandenburg.
Die
Liste deiner Mitwirkung in fast allen Ausschüssen dazu Aufsichtsräten und 10
Jahre ehrenamtlicher Richter ist lang und zeugt von kommunalpolitischer
Kompetenz. Aber manche meinen, du seiest vielleicht zu sehr auf Kultur
konzentriert. Wie siehst du das?
Steckenpferd
ist schon richtig. Und meistens kommt man ja auch mit Kulturthemen in die
Presse. Aber Kultur durchdringt alle Bereiche des menschlichen Lebens und heißt
wörtlich die Auseinandersetzung des Menschen mit sich und seiner Umwelt. Das
ist viel mehr als nur Kunst. Und in den Aufsichtsräten ist wirtschaftliche und
kommunalpolitische Kompetenz ein Muss, schon vom Gesetz her so gefordert. Also
nur Kultur geht nicht.
Was
ist für Dich das Besondere an Neubrandenburg, womit wirbst Du, wenn es um
unsere Stadt geht ?
Na
sicher mehr mit Konzertkirche als mit Tiefgarage unter dem Marktplatz, um an die
vorige Frage anzuknüpfen. Das Besondere ist die Schönheit der Stadt. Die
harmonische Verbindung von Stadt und Natur. Die Möglichkeit, schnell und bequem
die Innenstadt oder das natürliche Umland zu erreichen. Aber auch die
kulturellen Reize, das vielfältige Angebot für die gesamte Region, machen
Neubrandenburg einzigartig. Dabei darf auf nichts leichtfertig verzichtet
werden.
Und
was gefällt dir vor allem an den Neubrandenburger/innen?
Dass
es nicht so viel hektische Aufgeregtheiten gibt. Obwohl es in der Stadt mitunter
Grund genug gibt, sich aufzuregen. Und dass sich so viele Bürger für ihre
Stadt interessieren und sich auch engagieren. Allerdings muss dies Interesse und
Engagement wieder gewollt, gefördert und genutzt werden.
Welche
Rolle spielt die Meinung der Bürger für einen Bürgermeister?
Ein
Oberbürgermeister ist von den Bürgern gewählt, weil er oder sie ihrer Meinung
nach deren Vorstellungen am besten umsetzen kann. Ohne Bürgermeinung geht also
gar nichts. Bürgermeinung muss nicht immer sofort umsetzbar sein, aber sie ist
der Anstoß zum Nachdenken. Ich bin auch für einen offenen Bürgerhaushalt -
derzeit sind selbst die Abgeordneten durch permanenten Widerspruch „von
oben“ ausgeschlossen.
Andererseits
haben viele Bürger berechtigterweise den Eindruck, dass sie zwar formal gefragt
werden, aber von der Verwaltung bereits vorher alles in Tüten und Papier
gepackt wurde.
Viele
Bürger sehen im Rathaus gegenwärtig eine „Ein-Mann-Herrschaft“. Soll es in
Zukunft „Eine-Frau-Herrschaft“ heißen?
Weder
„E i n e Frau“ noch „Herrschaft“….
Frage
neu formuliert: Warum braucht Neubrandenburg eine linke Oberbürgermeisterin und
was würdest du anders als bisher machen?
In
der Werbung heißt es irgendwo: Mit dem zweiten sieht man besser. Sagen wir mal:
Mit den Linken sieht man besser! Klarerer Blick sowie alternative Vorstellungen
zu den Problemen und den Lösungsmöglichkeiten der sozialen und kulturellen
Brennpunkte. Dazu später sicher noch mehr.
Und
was den Arbeitsstil betrifft. Ich setze auf Teamarbeit, kann Verantwortung auf
viele Schultern verteilen, mit anderen beraten, statt allein zu entscheiden.
Dabei sind gegenteilige Standpunkte sehr wichtig, um sich eine ausgewogene
Meinung zu bilden. Ich denke ich bin streitbar, kann aber genauso ungeduldig
sein, wenn ich etwas erkannt habe und es ändern möchte.
Noch
zu Bürgermeinung. Wie stehst Du zu außerparlamentarischem Engagement wie
Greenpeace, Antifa u.a. auch in der Region?
Als
erstes möchte ich da den notwenigen, gewaltfreien Widerstand gegen rechte,
neonazistische Aktionen und Aktivitäten. Da werde ich immer mit dabei sein. Das
offizielle Neubrandenburg hat da Nachholebedarf. Außerdem unterstütze ich
jedes außerparlamentarische Engagement, das hilft, Bewegung in verhärtete oder
verkrustete Standpunkte zu bringen, Denkansätze offeriert und Bürger, wie auch
mich, anstößt, Haltung zu zeigen und nachzudenken.
Was
kann die Stadt, was kann der Bürgermeister für die Kinder, unser wichtigstes
Gut, leisten?
Die
Kinder und Jugendlichen dieser Stadt sind die zukünftigen Bewohner. Denkt man
an Kinder- und Jugendpolitik, muss man aber immer bei den Familien beginnen. Die
Kinder wachsen nicht in einem luftleeren Raum auf. Familienfürsorge, gute
Erziehung und Betreuung in Schule, Freizeit und Sport, Vereinen, kulturellen
Aktivitäten und anderen Angeboten sind wichtige Merkmale einer guten
Stadtpolitik.
Welche
Perspektiven haben Jugend- und Kulturprojekte mit Irina Parlow als Oberbürgermeisterin?
Wer
einmal Jugendweihestunden mitgestaltet, die Jugendclubs besucht oder die
zahlreichen Veranstaltungen von Laiengruppen, der Tanzaktion oder der
Musikschule, der Volkshochschule, der zahlreichen Sportvereine miterlebt hat,
weiß, welcher kulturelle Reichtum in der Stadt vorhanden ist. Das Potential zu
reduzieren, verscheuchen, zerstören, wie es gegenwärtig leider vielfach der
Fall ist, halte ich für fatal. Der kulturellen Vielfalt gehört meine ganze
Aufmerksamkeit.
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