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Reisen
bildet
Die
Linksfraktion im Deutschen Bundestag hatte zur Konferenz nach Lübeck
eingeladen. Auf der Tagesordnung stand „Wohnungs(bau)genossenschaften in
Zeiten des Privatisierungswahns“. Äußerungen von Vertretern der Banken, von
Wissenschaftsinstituten und von Vorständen einiger Wohnungsgenossenschaften
waren angekündigt und reizten mich zur Teilnahme. Die rd. 90 Zuhörer wurden
sicher nicht enttäuscht; hörten sie doch auch Überraschendes. Selbst
eigentlich Bekanntes, wie die traditionelle Haltung der Linken zur
Genossenschaftsfrage, dargestellt unter den derzeitigen Bedingungen, war
eindrucksvoll. Schlängelt sich doch die Forderung nach Mitwirkung beim Schaffen
und Verwalten in Genossenschaften als eine Form der Teilhabe und
Selbstbestimmung wie ein roter Faden durch das letzte Jahrhundert. Immerhin gab
es ein deutsche Genossenschaftsgesetz seit 1889, das erst im Oktober 2006 seine
letzte Novellierung erfahren hat. Nicht völlig aus eigenem Antrieb. Sollten
doch rechtliche Schwierigkeiten des Agierens über Grenzen in der Europäischen
Gemeinschaft aus dem Wege geräumt werden. Wie nebenbei verschwand auch der
Begriff Genosse aus dem Gesetzestext. Aber der Konferenz ging es im Kern um das
genossenschaftliche Wohnen. Es ist der Trend bei den über 8000 Genossenschaften
im Land auszumachen, sie immer mehr wie Kapitalgesellschaften zu führen. Um das
Stimmrecht jedes Genossenschaftlers muss zunehmend gekämpft werden, wo das
Geldvermögen in der selbst entfesselten Wirtschaftswelt, überwiegend nur auf
dem Kapitalmarkt weit ab von der Realwirtschaft entstanden, nach Anlage giert.
Stimmrechte nach dem Anlagekapital sind dann angesagt. Die Beispiele, wo des Lösen
kommunaler Probleme eben auf diesem Wege gesucht wird, sind hinreichend bekannt.
Aber
es geht auch anders, wie unsere Partnerstadt Flensburg und die Stadt Pinneberg
bei Hamburg es zeigen. Dort wandelten sich 2006 die bisherigen städtischen
Wohnungsunternehmen in Genossenschaften. Aus Mietern wurden Genossenschaftler
und der Weg dahin war teilweise „Tatort“- reif. Die Mieter- bzw. Bürgerinitiativen
mussten sich auch mit Gerichtsbeschlüssen durchsetzen. Dieses Bemühen ließ
Sicherheit in organisierter Solidarität wachsen und schaffte ein gutes
Fundament für die Genossenschaft. Das Zurückdrängen des demokratischen
Handelns in einer Genossenschaft dürfte hier nur schwer möglich werden.
Getrübt
wurde letztlich meine Stimmung an diesem Tag nur dadurch, dass ich als
Neubrandenburger Stadtvertreter erst ein Jahr später in Lübeck von diesem
Vorgang in unserer Partnerstadt Flensburg erfahren habe. Aber gelernt habe ich
an diesem Tage soviel wie ein Dreijähriger in einem Jahr.
Herbert
Doberenz
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