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DOKUMENTE
- STANDPUNKTE - PRESSE
20 Jahre später
Ich kann in den Jubel der „Wiedervereinigung“
nicht einstimmen, denn es war ja mehr eine als „Beitritt“
deklarierte Annexion der DDR. Obwohl ich die Einheit
Deutschlands bejahe, offenbarte sich mir die Machart als
„abwickelndes“ Kapitalinteresse und bornierte Machtwillkür.
Selbst viele westdeutsche und internationale Persönlichkeiten
fanden manches unfair und den DDR-Bürgern nicht zumutbar. Aber
der Sieger schreibt die Geschichte ! Gibt es auch Andersdenkende
?
Natürlich habe ich auch Grund zur Freude über die
Zusammenführung der zwei ehemaligen deutschen Staaten. Das Leben
ist für viele Menschen vielfältiger und anspruchsvoller
geworden. Man kann in alle Welt reisen, ein reiches Warenangebot
ist für jeden da und wenn man Geld hat, kann man sich viele
Wünsche auch erfüllen. Die Städte pulsieren, sind größer und
bunter geworden und bieten günstige Standorte für die
zahlreicheren Geschäftshäuser und neuen Betriebe. Eine weltweite
Kommunikation über das Internet oder Handy ist
selbstverständlich und neue Wege der Lebensgestaltung stehen zur
Verfügung. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten und das macht
mich unzufrieden. Wäre eine gleichberechtigte Vereinigung nicht
besser gewesen ?
20 Jahre sind seit der sogenannten „Wende“
vergangen. Was hat der von Politikern und Medien manipulierte
„demokratische“ Wechsel der politischen und ökonomischen
Verhältnisse gebracht? Für die DDR die Wiederherstellung
bürgerlich-kapitalistischer Machtverhältnisse, für die BRD die
Verdrängung hausgemachter Probleme und die Inbesitznahme ehemals
volkseigener Äcker, Wälder und Seen und vieler Betriebe
Ostdeutschlands. War das so gewollt? Ich frage mich, warum
konnten so viele Menschen auf die Köder „Reisefreiheit“ und
„Westmark“ reinfallen und sich vom „Begrüßungsgeld“ einlullen
lassen? Warum glaubte man nicht, dass Arbeitslosigkeit und Armut
für viele und Reichtum für wenige die Situation bestimmen
werden? Heute beklagen wir die Allmacht des Geldes und seiner
Besitzenden, die sich verteuernden Lebenshaltungskosten, den
ständigen Sozialabbau und die fehlende Solidarität der Menschen.
In der DDR war man staatliche Fürsorge gewohnt, trotz Unrecht
und ideologischem Dogmatismus, trotz vieler Fehler, Mängel und
Not.
Aber auch in Westdeutschland lässt man nun „die
Katze aus dem Sack“, weil die Finanz-und Wirtschaftskrisen die
bisherige Schönfärberei und Demagogie entlarven. Unbewältigte
Probleme in Bildung, Umweltschutz u.a.Bereiche drängten auf
Lösungen.
Ich hatte –wie viele- erwartet, die reiche,
stabile BRD würde uns helfen und nützlich sein, aber Ihr
Festhalten am Überholten, die Strategien des Förderalismus und
Neoliberalismus und der ausufernde Bürokratismus verhindern den
erhofften Aufschwung. Von Konsolidierung nach der Vereinigung
kann keine Rede sein. Einheitliches Denken und Handeln in Ost
wie in West gibt es noch lange nicht. Ein Bundespräsident tritt
enttäuscht zurück, der Bundeskanzlerin sagt man
Initiativlosigkeit nach, allein 6 Ministerpräsidenten verließen
in einem Jahr ihr Amt, unser Oberbürgermeister erweist sich als
„beratungsresistent“. Grund zum Jubeln ? Ich bin da skeptisch.
Nun lese ich, dass man mit den LINKEN ja nicht
könne, da sie „demokratie-und regierungsunfähig“ seien, weil sie
die DDR nicht als Unrechtsstaat und 2.Diktatur verurteilen. Wann
ist man denn „regierungsfähig“? Wann ist man Demokrat ? Da ich
für den demokratischen Sozialismus bin, gegen Krieg und
Ausbeutung auftrete und die DDR als mängelbehafteten
Frühsozialismus sehe, stehe ich also im Abseits. Politiker der
Linkspartei werden durch den Verfassungsschutz observiert,
obwohl die Partei ihre Verfassungstreue im Bundestag beweist.
Sind wir wieder bei der Kommunistenverfolgung wie in der
früheren BRD ? Erbärmlich finde ich, dass man den Eltern und der
Schule unterstellt, sie würden über die DDR die Unwahrheit sagen
oder schweigen. Wer in diesem Land selbst erlebt hat, dass es
wie in jedem Land plus und minus gab, hat als Zeitzeuge auch das
Recht, seine Sicht zu behaupten. Mögen andere Sichtweisen auch
existieren.
Die historisch notwendige, aber mangelhaft
realisierte Vereinigung sehe ich natürlich als Gewinn, das
staatlich Herrschaftssystem mit seiner Abhängigkeit vom
Lobbyismus, in dem die globalen Finanz-
und Wirtschaftsmächte den Ton angeben, habe ich
so nicht gewollt. Ich füge mich als Staatsbürger
verfassungsgemäß den Gegebenheiten. Doch bleibt mir die Hoffnung
auf ein wirklich einheitliches Deutschland, in dem in Ost wie
in West für die gleiche Arbeit gleicher Lohn gezahlt wird,
gesamt-
deutsch, friedlich, sozial und recht gedacht und
gehandelt wird. Die Ungerechtigkeiten wären weniger
und die Menschen zufriedener und
zukunftssicherer. Das wäre dann ein wirklicher Sieg der Einheit
und Demokratie.
Dr. Horst Parlow |