Vor nunmehr 66
Jahren trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im
Zweiten Weltkrieg in Kraft.
Seit 2002
begehen wir in unserem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern den
8. Mai als staatlichen Gedenktag, als Tag der Befreiung vom
Nationalsozialismus und der Beendigung des 2. Weltkrieges.
Der Befreiung
von einer Epoche und dem Ende eines Krieges, durch die von
deutschem Boden ausgehend, die Welt mit Krieg und Gewalt
überzogen worden war in einer für uns Nachgeborene schier
unvorstellbaren und grausamen Weise, die viele Millionen
Menschen das Leben und die Heimat gekostet, Unzähligen
Gesundheit und Seele zerbrochen hat.
Ich gedenke
aller Opfer und aller Toten des Krieges und des Faschismus,
der Gewaltherrschaft.
Ich gedenke
derer, die Widerstand leisteten und ich gedenke derer, die
eher den Tod hinnahmen, als ihre Menschlichkeit abzulegen.
Wir hier
können seit 66 Jahren in Frieden leben. Doch verging in diesen
66 Jahren nicht ein Tag ohne Krieg und Gewalt irgendwo auf der
Welt.
Meine kleine, starke Großmutter hatte acht
Kindern das Leben geschenkt. Vier von ihnen starben als ganz
kleine Kinder oder junge Leute – meist in Folge von Kriegs-
bzw. Nachkriegseinwirkungen. Von den anderen Vier wusste sie
oftmals jahrelang nicht, wo sie waren, ob sie überhaupt noch
am Leben waren. Und auch die Kinder wussten jahrelang nichts,
nichts über das Schicksal der Eltern.
Drei Söhne hatten als Soldaten in den Krieg gemusst, einer von
ihnen und seine junge Frau waren aktiv im kirchlichen
Widerstand. Und meine Großeltern haben durch Kriege dreimal im
Leben das mühsam erarbeitete Hab und Gut verloren, mussten
immer wieder in neuen Umgebungen Fuß fassen und sich und ihren
Kindern dreimal ein neues Heim, eine Heimat schaffen.
Schon aus
diesen ganz persönlichen Gründen habe ich einen Traum:
Dass eines Tages alle Menschen über alle Ländergrenzen hinweg
friedlich und in guter Nachbarschaft miteinander leben, egal
wie sie aussehen, egal welche Sprache sie sprechen, egal
welche Traditionen sie pflegen, egal welche Religion sie
ausüben.
Und ich
wünsche mir, dass Kinder wohlbehütet und in Frieden
aufwachsen, spielen und lernen können und niemand, ob Jung, ob
Alt, ob Mann, ob Frau hungern, dursten, frieren oder Angst um
sein Leben haben muss.
Nicht zuletzt
wünsche ich mir, dass junge Leute die zarte erste Liebe
unbekümmert genießen können.
Als Mutter
eines Soldaten möchte ich heute und hier meinem Wunsch nach
Leben in Frieden Ausdruck geben mit den Worten eines jungen
sowjetischen Soldaten vom Juli 1941.
Als Bürgerin der Bundesrepublik Deutschland heute hier am
Neubrandenburger Ehrenmal für die sowjetischen Soldaten.
Worte eines
jungen sowjetischen Soldaten voll Sehnsucht nach Frieden, nach
Leben, nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Zukunft.
Worte zugleich
voll des beklemmenden Gefühls, das die Kehle abschnürt all
derer, die in einen Krieg müssen und all derer, die um einen
nahestehenden Menschen bangen oder trauern. Egal wo, egal
warum.
Worte, heute
so wahrhaftig wie damals.
Das Gedicht
des jungen sowjetischen Soldaten Konstantin Simonow an seine
Liebste, geschrieben zu Beginn des Großen Vaterländischen
Krieges, begleitete als Lied seine Kameraden durch alle
Fährnisse.
Konstantin
Simonow, Juli 1941
WART AUF MICH
Wart auf mich,
ich komm zurück,
aber warte
sehr.
Warte, wenn
der Regen fällt,
grau und trüb
und schwer.
Warte, wenn
der Schneesturm tobt,
wenn der
Sommer glüht.
Warte, wenn
die andern längst, längst des Wartens müd.
Warte, wenn
vom fernen Ort Dich kein Brief erreicht.
Warte - bis
auf Erden nichts Deinem Warten gleicht.
Wart auf mich,
ich komm zurück.
Stolz und kalt
hör zu, wenn der Besserwisser lehrt:
„Zwecklos
wartest du!“
Wenn die
Freunde, Wartens müd, mich betrauern schon,
trauernd sich
ans Fenster setzt Mutter, Bruder, Sohn.
Wenn sie, mein
gedenkend, dann trinken herben Wein.
Du nur trink
nicht – warte noch
Mutig – stark
– allein.
Wart auf mich,
ich komm zurück, ja zum Trotz dem Tod,
der mich
hundert-, tausendfach, Tag und Nacht bedroht.
Mitten in des
Krieges Brand, rings umdröhnt, umblitzt,
kämpfend, fühl
ich, wie im Kampf mich dein Warten schützt.
Was am Leben
mich erhält, weißt nur du und ich:
Dass du, so
wie niemand sonst, warten kannst auf mich.